Sambia: Mittendrin und doch daneben

Sambia war für uns beide etwas Neues. Wir haben uns hier bewusst für eine Route abseits der klassischen Touristenpfade entschieden, weil wir von den Eindrücken in den südlichen Nationalparks ziemlich gesättigt waren. Der Aufenthalt in einem populären Park fühlte sich für uns, nach einer gewissen Zeit, wie das Leben in einer Parallelwelt an, wie in einer Blase. Frei von jeglichen Störungen kann man in traumhafter Natur, unter seinesgleichen, Tiere beobachten und wunderbare Landschaften anschauen. Und dabei doch nicht viel vom Land sehen. Wir hatten dann nach drei Monaten das Bedürfnis, mal eine andere Seite dieser Länder zu erleben. So entschieden wir uns, direkt nach Norden zu fahren, statt unser Geld auf einer weiteren Safari liegen zu lassen. Unterwegs blieben wir ein paar Tage in einem kleinen, privaten Naturschutzgebiet. Dort konnte man in einmaliger Natur wunderbar Wandern und Klettern und dies war auch daher sehr angenehm, weil es dort ausnahmsweise mal keine gefährlichen Tiere gab, nach denen man Ausschau halten musste.

Im südlichen Afrika ist ja momentan Winter, das heisst, dass es tagsüber angenehm warm ist, nachts jedoch sehr kalt werden kann. So kam uns ein Campingplatz mit einer eigenen heissen Quelle sehr gelegen. Dort trafen wir zufälligerweise auf ein Schweizer Ehepaar, welches genau wie wir mit ihrem eigenen Fahrzeug in Sambia unterwegs war. Kurzerhand entschlossen wir uns, gemeinsam in ein Fischerdorf am Tanganyika-See zu fahren, um am Abend zusammen den Match Schweiz-Argentinien zu schauen. Auch wenn der Fernseher kaum grösser war als eine Briefmarke, hatten wir so viel Spass, dass aus dem einen Abend mehr als eine Woche gemeinsames Reisen wurde. Spontan entschieden wir uns, Antonella und Paolo auf ihrer Route zu begleiten, die uns durch den abgelegenen Nordwesten von Sambia führte, beinahe an die Grenze zum Kongo. Wir suchten verschiedene, für den Nordwesten Sambias so typische, wunderhübsche Wasserfälle auf. Das Reisen zu viert war für uns eine ganz neue Erfahrung, die wir – obwohl wir auch zu zweit ein super Team sind – sehr genossen haben! Die Woche war für uns eine schöne Abwechslung aus unserem Reisealltag. Und vor allem eine schöne Begegnung mit zwei wunderbaren Menschen.

Unterwegs übernachteten wir seit langem wieder einmal wild in der freien Natur oder in kleinen Dörfern, wo die Leute überaus gastfreundlich waren. Schon zu Beginn fiel uns auf, wie freundlich die Leute in Sambia sind. Während unserer Tour durch den Nordwesten des Landes kamen wir mit vielen Leuten in Kontakt, was für uns sehr neu war. Leider müssen wir zugeben, dass sich unsere Kontakte mit der lokalen Bevölkerung im südlichen Afrika bis zu diesem Zeitpunkt eher in Grenzen gehalten hatten, abgesehen vom üblichen Smalltalk mit Lodgebesitzern und Dienstleistungserbringern (wahrscheinlich ist euch auch aufgefallen, dass wir bisher, ausser uns selbst, nur Landschaften und Tiere fotografiert haben).

Unsere Route führte uns über irrsinnig schlechte Strassen durch lauter kleine Dörfer. Was uns dabei besonders auffiel, waren die Kirchen, die es in jedem Dorf gab. Das waren ausnahmslos die besten und grössten Häuser in der ganzen Gegend. Wir erhielten einen kleinen Eindruck davon, wie wichtig Religion im ländlichen Afrika ist…

Als wir durch die Dörfer fuhren, kamen die Kinder nur so angerannt, staunten und winkten. Ich kam mir zuweilen vor wie Queen Elizabeth, als wir so durch die Strassen fuhren und winkten. Sie starrten uns an, wir starrten sie an. Auf die Freude, die wir vielleicht gerade noch empfunden haben, beim Anblick der farbigen Häuschen und der Kindern, mit ihrem strahlenden Lachen, winkenden Händen und weit aufgerissenen Augen, folgte zugleich ein schleichendes, negatives Gefühl, welches sich langsam den Weg in unser Unterbewusstsein bahnte. Zum ersten Mal auf unserer Reise waren wir Besucher in einer wirklich anderen Welt; in der Realität der Grosszahl der Afrikaner. Wir sind zwar beide schon viel gereist, auch in sehr abgelegene Gebiete, auch in Afrika. Doch mit dem Auto, bzw. unserem Haus auf vier Rädern, durch diese Dörfer zu fahren, war eine Erfahrung für sich. Es war ein konstantes auf und ab der Gefühle; im einen Moment völlig fasziniert von der Einfachheit des dortigen Lebens, im nächsten Moment betrübt über den Lebensstandard der Leute, gefolgt von einem starken Betroffenheitsgefühl. Denn genau das war es doch, was wir sehen wollen. Das „wahre“ Afrika. Leute, die im Busch leben, jenseits von der Zivilisation. Fröhliche Kinder, die halbnackt im Dreck spielen. Frauen, die in der Sonne Maiskolben zur täglichen Nahrung verarbeiten. Männer, die am Dorfplatz im Schatten diskutieren. Was hätte dies für wunderbare Fotos gegeben! Wir, ständig hin- und hergerissen zwischen Freude und Schamgefühl, unterliessen es jedoch in den meisten Fällen, Fotos zu schiessen. Wir kamen uns auch so schon vor, als wären wir auf einer „Human-Safari“. Wir konnten nicht aufhören, darüber nachzudenken, was die lokalen Leute wohl über unsere Präsenz dachten, als wir so durch ihre Dörfer fuhren, die Leute in einer von unserem Auto aufgewühlten Staubwolke zurückliessen und im schlimmsten Fall noch ein herum flatterndes Huhn überfuhren. Auf den stundenlangen Fahrten im Auto diskutierten wir über Sinn und Unsinn des Reisens. Als logische Konsequenz versuchten wir diese Eindrücke irgendwie einzuordnen und zu sortieren, wir suchten nach Erklärungen und forschten nach Lösungen. Um schliesslich immer wieder am selben Punkt anzukommen und festzustellen, dass wir uns gedanklich ständig im Kreis drehten. Es kam uns vor wie ein Fass ohne Boden. Und zum ersten Mal auf der Reise mussten wir etwas wirklich aushalten, nämlich die ständig wiederkehrenden gleichen Fragen, die in unseren Köpfen kreisten.

Seit Zimbabwe war das Reisen aufregender, aber auch anstrengender geworden. Nicht im physischen – das Reisen durch Afrika im eigenen Auto ist für uns als alte Backpacker Luxus pur – jedoch im mentalen Sinne. Wir wählten Routen über total miserable Strassen, nur um die Landschaft zu geniessen, obwohl es auch Teerstrassen als Alternativen gab. Wir fragten uns, was wohl die Leute denken, wenn wir so über Stock und Stein angerollt kommen und im Schritttempo einen Pass erklimmen. Was denken die Menschen, die jeden Tag von neuem überleben müssen, von uns Touris, die ohne Ziel und Plan tausende von Kilometern fahren, ihren Job und die Wohnung aufgeben, nur des Reisens wegen? Ist es nicht irre, sich über schlechte Strassen zu freuen, damit man offroad fahren kann, während die ansässigen Bewohner sich wohl bessere Strassen wünschten, damit ihr Leben ein wenig einfacher würde?

Und dann treffen wir auf ein Dorf, dass seit den Chinesen durch eine 6 Meter breite Teerstrasse in zwei Teile getrennt wurde (China ist sehr aktiv in der Ressourcenförderung auf dem afrikanischen Kontinent und baut unter anderem deshalb sehr viele Strassen aus). Wir freuen uns zwar, dass die gute Strasse ein schnelleres Vorankommen erlaubt, und die Chance, ein Tier oder ein Kind zu überfahren sinkt, da sich nun als Nebenprodukt des Ausbaus auf jeder Seite der Strasse ein tiefer Graben durch das Dorf zieht. Gleichzeitig sind wir völlig irritiert über das Bild, welches sich uns bietet. Die topmoderne, ultrabreite Schnellstrasse in der Mitte, links und rechts davon Ochsenkarren aus dem vergangenen Jahrhundert, flankiert von traditionellen Strohhäusern.

Zum einen kümmert sich die halbe Welt darum, Afrika mittels Entwicklungszusammenarbeit den Anschluss an die Moderne zu ermöglichen. Gleichzeitig reisen wir westlichen Touristen dorthin, um möglichst viel zu sehen, was uns möglichst fremd ist. Wir wollen lieber Früchte und Gemüse auf dem Markt einkaufen, statt in einen Supermarkt zu gehen, denn diesen kennen wir von zuhause. Wir halten Ausschau nach Frauen in farbigen Gewändern, die mit massiven Körben auf den Köpfen Kilometer um Kilometer zu Fuss zurücklegen. Wir erfreuen uns der fröhlichen, lachenden Schulkindern, die scharenweise entlang der Strassen zurück in ihre Dörfer laufen. Barfuss, auf der heissen Strasse, in der prallen Sonne. Würden wir sie auch so niedlich finden, wenn sie Schuhe tragen und im Bus oder im Auto zur Schule gebracht würden? Wir wollen abseits der Touristenpfade reisen, lehnen „entwickelte“ Gebiete ab, wollen keine Städte, Industrie und Smog sehen. Kurz gesagt: Wir wollen das „ursprüngliche“ Afrika sehen; Leute, die im Busch wohnen, abseits von dem, was wir als Zivilisation bezeichnen. Peace.

Dann werden wir uns des Irrsinns des Ganzen bewusst und fragen uns, was wir tun können, um etwas an dieser ungleichen Ausgangslage zu ändern. Was machen wir mit den unzähligen Leuten am Strassenrand, die auf der Suche nach einer Transportmöglichkeit Autostopp machen? Und dann denken wir: Warum sollten wir einen Autostopper mitnehmen? Er muss wahrscheinlich jeden Tag dieselbe Strecke bewältigen. Wir fahren heute per Zufall an ihm vorbei. Ob wir ihn nun mitnehmen oder nicht, ändert an seinem Leben nichts. Dasselbe gilt auch für Geschenke. Ein paar Kekse da, ein Paket Zucker dort. Oder wenn wir einem Kind einmalig die Schulgebühren bezahlen würden. Am grossen Ganzen ändert es nichts. Das einzige was es wirklich ändert, ist dass wir uns danach weniger schlecht fühlen und wir unser Gewissen für einen Moment beruhigen können. Was natürlich nicht heisst, dass man es nicht trotzdem tun kann oder soll. Das mit dem Schenken ist eine schwierige Sache. Wahrscheinlich kann man damit einem Menschen kurzfristig eine Freude machen. Gleichzeitig fördert man aber mit wahllosem Verteilen von Geschenken auch eine Ausgangslage, die das Gegenüber in seiner Hilfeempfängerstellung festigt. Was nicht das Ziel des grossen Ganzen sein kann. Andererseits: Ist es sinnvoller meine alten Kleider/Schuhe/sonstige Dinge die ich nicht mehr benutzen will, stattdessen wegzuwerfen? Ein bisschen plakativ ausgedrückt (wir sprechen hier von kleinen Zuwendungen, analog zu Entwicklungshilfegeldern) : Helfen wir Afrika in dem wir ihnen helfen oder helfen wir Afrika, indem wir ihnen nicht helfen? (Über diese Frage streiten sich Experten seit Jahren, weshalb ich nicht beabsichtige, diese hier richtig zu beantworten).

Ich wurde kürzlich von ein paar alten Männern nach Essen gefragt. Es muss gerade für ältere Männer extrem entwürdigend sein, eine junge Frau nach Essen zu fragen. Ich habe mich raus gewunden, geschämt und bin zurück ins Auto gestiegen und weggefahren. Oder dann die eine Szene im Supermarkt. Vor der Theke bildet sich eine lange Schlange, zwanzig Leute stehen an, um sich ein Laib Brot zu ergattern. Natürlich stelle ich mich hinten an. Nach zwei Minuten kommt eine Angestellte hinter der Theke hervor, um mir ein Brot anzubieten. Mein Einwand, dass ich genau so gut warten kann, wie alle anderen, läuft ins Leere. Sie schaut mich verständnislos an. Um die Verkäuferin nicht zu brüskieren, nehme ich das Brot und entferne mich mit rotem Kopf. Die anderen Leute warten und starren mir nach.

Nicht, dass irgendwas von dem Geschriebenen neu wäre. Diese innere Gespaltenheit ist wohl ein Gefühl, welches immer aufkommt, wenn man als Westeuropäer seine Komfortzone verlässt, um zu sehen, wie die Realität anderswo ausschaut.

Wir sehen Dinge und werten, wie es in der Natur des Menschen liegt. Warum bauen sich die Dorfbewohner keine Tische und Stühle, um es bequemer zu haben? Kommen die denn nicht von selbst auf die Idee, sich Duschvorrichtungen oder hygienischere Toiletten zu bauen? Warum sehen wir keine bestellten Felder? Die Leute verkaufen kein Gemüse und keine Früchte am Strassenrand. Warum sind sie so unproduktiv und bauen nichts an? Warum arbeiten die Männer seit zwei Jahren am selben Strassenabschnitt? Und dann die Leute überall, die herum fläzen und nichts tun. Arbeiten die denn nicht? Und dann merken wir: Wir sind wieder einmal gefangen in unserem eurozentrischem Denkmuster.

Oft ist uns nicht bewusst, dass wir stets nur ein Bruchteil des Gesamten sehen. Wir fahren durch ein Dorf und sehen nur, was sich auf beiden Seiten der Strasse abspielt. Wir sehen nur einen kleinen Teil eines grossen Ganzen und doch glauben wir zu erkennen, wie die afrikanische Realität ausschaut. Alles weitere ergänzen wir durch unsere Vorstellungen. Wir festigen damit ein Bild von Afrika, welches wir mit nach Hause tragen.

Dieser Bericht ist sehr kritisch und für einmal nicht nur voller Bewunderung für Afrika als Reisedestination. Wir waren uns von Beginn an einig, dass wir keine klassischen Reiseberichte schreiben wollen, mit ausführlichen Erläuterungen über Strassenzustände oder was wir Lustiges zum Frühstück gegessen haben. Reisen ist wunderschön. Aber gerade wenn man länger als ein paar Wochen unterwegs ist und vor allem wenn man sich in untypische Reiseländer begibt, kommt man zwangsläufig auch mit den Schattenseiten des lokalen Lebens in Berührung. Wir denken, das ist gut so. Wir erleben viel und ziehen unsere Lehren daraus. Wir fänden es schade, stattdessen einfach zu Hause zu bleiben und solche Themen präventiv auszublenden. Es war uns bereits im Vorfeld klar, dass wir uns irgendwann auf der Reise auch den schwierigen Seiten eines Afrika-Trips stellen müssen und dass es nicht immer einfach sein wird, damit konfrontiert zu werden. Wir sind nach wie vor von unserer Reise überzeugt, denn in diesem riesigen Haufen voller Glücksgefühle, die wir tagtäglich empfinden, soll auch Raum sein für ein paar kritische Gedanken.

3 Gedanken zu „Sambia: Mittendrin und doch daneben“

  1. huiiii…dieser Bericht über Sambia ist genial! Genau so habe ich auch empfunden…sehr gut geschrieben! War cool euch zu treffen ! Freue mich bereits auf die Bilder vom Chicken House!

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