Tansania-Sansibar. Höllenfahrt ins Paradies.

Die letzte Etappe unserer Reise führt uns quer durch ganz Tansania. Von der oberen Ecke des Viktoriasees fahren wir durch das dünn besiedelte Mittelland. Das ist die schnellste, allerdings auch langweiligste Route. Keine Serengeti-Durchquerung, keine wilden Tiere am Strassenrand, dafür unzähmbare Polizisten überall.
Bereits 10 Minuten nach der Grenze werden wir zum ersten Mal gestoppt. Eine Schranke blockiert die Strasse. Wir werden nach einem kleinen Wegzoll gefragt.  „Gift, gift“, sagt der Mann. „Oh no thank you, that’s nice, but no thank you, it’s not necessary“, sagen wir und kehren den Spiess um. Wir stellen uns doof und grinsen um die Wette, bis der Kerl genervt ist, grünes Licht gibt und wir passieren können. Das war Melkstation Nummer 1.

So fahren wir durchs Niemandsland, Tag für Tag. Das einzig Erfreuliche ist die Schnellstrasse, welche ziemlich gut in Schuss gehalten ist. Die Kehrseite davon: Die LKW-Fahrer fahren noch verrückter, als wir es von unseren ersten Tansania-Durchquerung gewöhnt sind. Obwohl es meist schnurgerade Strassen sind, häufen sich die Unfälle. Das mit den Schnell-Strassen wird wörtlich genommen. Die ausgebrannten LKWs bleiben dann einfach liegen. Tansania ist ein Wrack-Museum.

Bei diesen leidigen, lokalen Fahrgewohnheiten nützen die extra in die Strasse integrierten Speedbumps herzlich wenig, ja sind sogar eine weitere Gefahrenquelle. Aus heiterem Himmel tauchen sie auf der Fahrbahn auf, obwohl weder ein Hinweisschild noch ein Dorf in Sicht ist. Wir verstehen’s einfach nicht.
Und dann passiert etwas, das wohl keiner für möglich gehalten hätte. Wir bekommen eine Busse wegen überhöhter Geschwindigkeit!

Wir, die ständig überholt werden. Wir, mit unserem alten Auto, tappen in die Falle und sind nun offiziell deklarierte Raser. Innerorts darf man ja nur 50 fahren. Diese Regel finden wir natürlich löblich. Nur sieht der Laie leider häufig nicht, was für afrikanische Massstäbe als Innerorts gilt. Und natürlich stehen die Polizisten genau dort, wo es „zufälligerweise“ mal keine Speedbumps gibt. Diese durchtriebenen Kerle! So winkt uns also ein Polizist im eleganten Einteiler raus (in den ostafrikanischen Ländern tragen die Polizisten tatsächlich weisse, sehr scharf geschnittene Einteiler!). Natürlich sind wir nur minimal zu schnell gefahren, viel mehr geht ja bei uns gar nicht. Unsere Ausreden helfen aber nicht weiter, auch mein Frauenbonus zieht dieses Mal nicht, so steige ich aus, um die Busse zu begleichen. Und während der Polizist im Schatten auf seinem Stühlchen sitzt und mit grosser Freude den Strafzettel ausfüllt (wenigsten erhalten wir eine Quittung!) und die Dorfbewohner sich ins Fäustchen lachen, rast ein Afrikaner mit seinem Toyota Prado (aka edler Landcruiser für reiche Afrikaner) mit mindestens 100 km/h vorbei. Währenddessen schaut der andere Polizist mit seiner Laserpistole genüsslich einer graziösen Frau nach, die gerade vorbei schlendert. Ich ärgere mich, dass wir so gesetzestreu, wie wir halt sind, angehalten haben und wage es zu fragen, wieso er diesen üblen Verkehrssünder einfach so gehen lässt und stattdessen uns in die Mangel nimmt. Als Rückmeldung bekomme ich jedoch nur: „What do you want from me? Also me, I am only a human being, I make mistakes“. Ich nehme die Quittung und stampfe zurück zum Auto. Das kann ja heiter werden.

Am nächsten Tag dann hören wir laut Musik und lassen uns durch einen Hit von Stiller Haas dazu hinreissen, ein bisschen Party auf der langweiligen Fahrt zu machen. Dann steht da plötzlich wieder ein weisses Marsmenschlein mit Laserpistole und zwingt uns einen Schnellstop auf. Zum zweiten Mal werden wir zur Kasse gebeten. Heute wird uns jedoch angeboten, das Ganze in gegenseitigem Interesse beizulegen. Der Polizist, wie immer ein bisschen untersetzt – der Einteiler spannt immer ein wenig über dem Wohlstandsbäuchlein – kaut auf einem Zahnstocher herum und unterbreitet uns ein Angebot. Wir sollen die Hälfte des offiziellen Bussgeldes bezahlen – ohne Quittung natürlich. Wir lehnen dankend ab, bei diesem Spielchen machen wir nicht mit.
Er schlurft von dannen und ruft einen anderen Kollegen, der dann die Arbeit machen kann.
Diese Polizisten sind wirklich überall. Wenn sie nicht gerade Geld einkassieren, fläzen sie im Schatten. Wie viele Leute wohl die offiziellen Bussgelder bezahlen? Als Polizist in Tansania hat man scheinbar einen der lukrativsten Jobs überhaupt. Korruption ahoi!

Nun, wir sind absolut für Geschwindigkeitsbegrenzungen, Polizeikontrollen und Speedbumps. Nur ist es leider offensichtlich, dass der einzige Effekt davon sich an den privaten Geldbörsen der Polizisten ablesen lässt, die wie ihre Besitzer immer dicker werden. Die wirklichen Übeltäter werden nicht aus dem Verkehr gezogen. Touristen werden wegen Kratzer auf der Windschutzscheibe zur Kasse gebeten, während auf den Strassen lokale Fahrzeuge unterwegs sind, die in der Schweiz nie und nimmer durch die MFK kämen. Was wir hier alles so zu sehen bekommen ist allerhand. LKW’s mit ultra abgenutzten Reifen, kaputten Bremsen oder Ladungen, die sich bei einer Vollbremsung über die ganze Strasse verteilen würden (alles schon erlebt). Das sind so Sachen, die wir in der Schweiz definitiv nicht vermissen werden.

Unterwegs durch Tansania passieren wir unzählige Lodges, welche gerade im Bau sind. Wir fragen uns, wer hier übernachten soll. Wir sehen keine einzigen Touristen, lediglich ab und zu ein paar einheimische Geschäftsreisende. Diese Lodges sehen aus wie Barbie-Häuser. Gestrichen in knalligen Farben, zum Beispiel in hellgrün und pink, bringen sie ein wenig Aufruhr in die triste Landschaft. Dazu ganz viele verschnörkelte Veranden, verspiegelte Fenster und schillernde Namen (Moon & Stars Dream-Lodge etc.). Die Leute hier haben wirklich einen Sinn für Kitsch, aber kein Wunder, wenn die Hälfte der Waren aus China kommt…

Ja, es ist ein spezielles Bild, welches uns bietet. Wir fahren durch die Einöde und passieren ab und zu ein Dorf, und dann kommen wir nach Dodoma, der eigentlichen Hauptstadt Tansanias. Für uns schaut es jedoch eher wie eine trostlose, verstaubte Kleinstadt aus. Wir bleiben nur eine Nacht. Wir sind unterwegs nach Dar es Salaam, der grössten Stadt Tansanias, am indischen Ozean gelegen, mit super Fährverbindungen nach Sansibar und einem Hafen, wo wir unser Bijou in einen Container stecken können.
Als wir endlich in Dar ankommen, stehen wir locker zwei Stunden im Stau. Das Hotel finden wir leider auch nicht von alleine, so bezahlen wir ein Taxi, welches voraus fährt und uns sicher zum Ziel bringt. In Dar machen wir nichts ausser schlafen und indisch essen. Wir sind froh über die vielen Inder, die in Ostafrika Geschäfte betreiben und sich hier niedergelassen haben. Das indische Essen ist nämlich häufig das einzige, was uns wirklich schmeckt. Weil es gewürzt und gesalzen ist, nicht wie das durchschnittliche afrikanische Essen, welches nach unserem Geschmack eher fade wirkt.

Dann treffen wir unsere Bündner Reisegefährten wieder und erzählen uns bei einer Flasche Konyagi (super günstiger lokaler Gin) die wildesten Räubergeschichten, die wir in Afrika erlebt haben. Wir wollen gemeinsam unsere Fahrzeuge in einen Container verladen und in die Schweiz verschiffen. Leider zeigt sich dabei Afrika wieder einmal von seiner unschönen Seite. So auch das Speditionsunternehmen in Basel!  Nerv, nerv und irgendwie klappt es dann doch, so scheint es zumindest. Wir buchen einen Container und stellen die Autos rein, regeln die Formalitäten und fahren noch am selben Tag nach Sansibar. Wir sind wirklich reif fürs Paradies. (Zum Zeitpunkt, als dieser Bericht endlich ins Internet rauf geladen wurde, also etwa sieben Wochen später, steht der Container noch immer in Dar es Salaam. Wir hoffen er findet den Weg in die Schweiz – mit Inhalt wäre nett).

Wir sind ein wenig melancholisch, weil das Abenteuer Afrika im Auto somit zu Ende geht. Anderseits sind wir froh, dass wir und das Auto die Reise unbeschadet überstanden haben. Unser Bijou scheint mehr zu ertragen, als wir gedacht hatten. So schmieden wir schon die nächsten Pläne für eine Overlandreise nach Südamerika, oder Island, oder Äthiopien…

Auf Sansibar in Jambiani, wo wir uns erholen wollen, werde ich als erstes krank. Statt am Strand verbringe ich die meiste Zeit im Badezimmer. Wenigstens haben wir ein wunderschönes Bungalow mit verspiegelten Fenstern, Blick auf den Pool inklusive. So kann ich die Honeymooners beobachten, wie sie Selfies schiessen und sich im verspiegelten Fenster selber bestaunen. Das ist besser als jeder Kinofilm.

Sansibar ist wirklich ein Traum. Stellt euch die schönsten Blautöne vor. So schimmert das Meer in allen Paletten. Dazu weisser, feiner Sand. Kokospalmen. Orientalische Bungalows. Wow. Ich bin zum dritten Mal hier und bin immer noch begeistert. Dominik meint, er sei noch nie an einem so schönen Meer gewesen.

Nach der Honeymoon-Location in Jambiani reisen wir weiter an der Ostküste rauf nach Paje. Wir wollen noch eine andere Seite von Sansibar sehen. Dort geht es gemütlicher zu und her, wir lassen uns in einem Reggae-Rasta-Backpackers nieder und machen erneut nichts. Das ist sehr erholsam. Für mich war es schön alle alten Bekannten zu treffen, die ich während meiner früheren Aufenthalte kennengelernt habe.

Nach ein paar Tagen fahren wir nach Stone Town, der einzigen „Stadt“ auf der Insel. Dort holen wir unsere Freunde Nora und Tom ab. Sie haben sich spontan dazu entschlossen uns zu besuchen. Am nächsten Tag stossen auch meine Eltern dazu, die wir bereits zuvor auf dem Festland getroffen haben um mit ihnen gemeinsam den historischen Küstenort Bagamoyo zu besichtigen. Wir freuen uns riesig darüber, unsere lieben Leute aus der Schweiz zu sehen! Fortan sind wir als kleine Reisegruppe unterwegs. Wir logieren in einem wunderschönen alten Hotel und fühlen uns wie in 1001 Nacht. Wir schlagen uns die Bäuche voll mit köstlichem Essen! Sansibar ist ja die Gewürzinsel schlecht hin und war jahrhundertelang ein wichtiger Umschlagsplatz für den Handel. Neben Sklaven (einem wirklich leidigen Kapitel in der Geschichte Sansibars) haben auch viele Gewürze ihren Weg hierher gefunden. Für den Gaumen bedeutet dies eine geschmackliche Explosion. Asien, Indien und Afrika auf einem Teller. Wir sind begeistert!

Sansibar ist übrigens ein halbautonomer Teilstaat von Tansania, verfügt über eine eigene Regierung, ein Parlament und einen Präsidenten. Das ehemalige Sultanat stand lange Zeit unter britischem Protektorat und wurde 1964 unter Druck von Aussen an das heutige Tansania angegliedert. Dass sich viele Einheimische dem Festland nicht zugehörig fühlen, bekamen wir häufig zu hören. Auch sprechen viele Sansibari von ihrem Sansibar als unabhängiger Staat. Im Gegensatz zum Festland Tansanias besteht die Bevölkerung Sansibar übrigens überwiegend aus Muslimen; die Gesänge der Muezzins sind konstante Begleiterscheinungen bei einem Aufenthalt auf der Insel.

So verbringen wir wirklich schöne Tage auf Sansibar, doch tiefenentspannt sind wir trotzdem nicht. Eigentlich müssten wir bald eine Entscheidung fällen über den weiteren Verlauf unserer Reise. Und eigentlich sind wir ein bisschen reisemüde und gesättigt von über sieben Monaten Afrika. Andererseits gibt es keinen triftigen Grund, jetzt schon nach Hause zu fliegen. Wir merken aber, dass wir keine Energie mehr haben, um Afrika mit dem Rucksack zu bereisen. Und obwohl Äthiopien immer unser erklärtes Ziel war, fühlen wir, dass wir uns dieses Land lieber für einen späteren Trip aufheben wollen. So schön das Reisen auch ist, sobald man nicht mehr aufnahmefähig ist, wird jeder chaotische Bus-Trip oder Gang zum Markt zur Tortur. Abgesehen davon werden wir ständig mit der Uganda-Geschichte konfrontiert. Die Anrufe und die Drohmails beanspruchen unsere ohnehin schon angeschlagenen Nerven.  Wir haben es lange Zeit geschafft, die negativen Seiten einer Afrika-Reise mit dem nötigen Humor zu sehen, doch nun müssen wir aufpassen, dass wir nicht zynisch werden.

Neben den schlechten Erfahrungen in Uganda haben wir uns in den letzten Wochen immer wieder geärgert. Dies lag vor allem daran, dass wir nur noch selten in unserem Dachzelt übernachten konnten und häufig in Hotel logieren mussten. Kaum konnten wir nicht mehr selber kochen, häufte sich die Zeit, die ich auf der Toilette verbrachte. Kaum konnten wir nicht mehr in unserem Auto schlafen, lasen wir Flöhe und Bettwanzen auf. Es ist leider so, dass wir meistens nicht gerade wenig für unsere Hotelzimmer bezahlt haben und dann häufig einen Standard bekommen haben, der nicht unseren Erwartungen entsprach, ja zum Teil sogar unterirdisch schlecht war. Und dann immer das Problem mit der inexistenten Stromversorgung.

Für die letzten fünf Tage mieteten wir ein kleines Bungalow an der Ostküste Sansibars. Das war genau so lange romantisch bis Abends bei brütender Hitze der Ventilator ausfiel. Es war jeden Abend das gleiche und der Typ, der für uns zuständig gewesen wäre, liess sich natürlich nicht blicken. Dominik hat dann schnell gemerkt, dass das Problem nicht die unterbrochene Stromversorgung war, sondern eine allgemein sehr niedrige Spannung. Es hätte sich halt jemand an die Arbeit machen müssen und das Problem hätte repariert werden können… Stattdessen wurde die Schuld auf den Strombetreiber geschoben und es hiess wieder einmal mehr: „You know, here in Africa, we have many many problems…they cut off our power all the time…“. Jaa…ganz ehrlich, mit der Zeit konnten wir es einfach nicht mehr hören, diese ewige Leier. Und so hauten wir zum Abschluss noch einmal kräftig auf den Tisch. Und siehe da: als kleiner Erfolg holten wir uns am letzten Abend noch einen Drittel des bezahlten Preises zurück.

Das ist ja euch so eine Erscheinung beim Reisen; je länger man unterwegs ist, desto weniger gerne lässt man sich über den Tisch ziehen. Während man sich bei Kurzaufenthalten ja vieles gefallen lässt und quasi Verständnis für alles und Jeden hat, war diese Phase bei uns schon längst passé. So gesehen war es eine goldrichtige Entscheidung, am nächsten Tag in den Flieger zu steigen und dann hoffentlich mit geladenen Batterien und einer regenerierten hohen Toleranzgrenze zu einem späteren Zeitpunkt nach Afrika zurückzukehren ☺!

2 Gedanken zu „Tansania-Sansibar. Höllenfahrt ins Paradies.“

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