Uganda revisited

Es ist eine wahre Geschichte. Es ist eine traurige Geschichte. Es ist eine bitterböse Geschichte.

Wenn ihr unsere letzten beiden Berichte über Uganda gelesen habt, bitte lest auch diesen. Wer seine romantischen Vorstellungen behalten möchte, sollte hier aufhören. Wir haben sie nach dieser Geschichte endgültig verloren.

Wir ihr unserem vorletzten Bericht (Uganda – eine Community hilft sich selbst) entnehmen könnt, haben wir eine ältere Frau kennen gelernt, P., deren Geschichte uns berührt hat. Sie, die ugandische Frau, mit dem von harter Arbeit auf dem Feld gezeichneten Körper und einem unwiderstehlichen Lächeln im Gesicht. Sie, die bewundernswerte Witwe, die das soziale Projekt ihres verstorbenen Mannes weiterführen will- ein Zuhause und eine Schule für Waisenkinder – während sie selbst fast nicht über die Runden kommt. Eine starke Frau also, mit einer herzlichen Art und einer vorbildlichen Vision. Eine Person, die man sofort sympathisch findet.

Und dann ihr Sohn, C., die Ausgeburt des Teufels, der Bösewicht wie aus dem Bilderbuch. Kein aufrechter Gang. Unnötiges Phrasen dreschen. Und offensichtlich verlogen und von dubiosen Interessen getrieben. Daher unsympathisch auf den ersten Blick in seine kalten Augen.

Weiter wirken mit: Eine Schar verdreckter Kinder, herzallerliebst, aber immer hungrig, immer etwas im Mund, sei es ein Stückchen Holz, auf welchem herumgeknabbert wird, oder ein rohes Reiskörnchen. Anhänglich und liebesbedürftig. Diese Kinder nicht sofort ins Herz zu schliessen – ein Ding der Unmöglichkeit.

Und dann ein motiviertes Team mit grossem Herz, selbstlosem Engagement, kleinem Lohn. Doch es geht ja um Kinder, und Kindern muss man helfen. Deswegen wird man ja Lehrer, weil man die Kinder so mag. Oder?

Dies alles vor der Kulisse eines idyllischen Dorfes an einem traumhaften See in einem wunderschönen Land.

So sah das aus, damals.

Herzlich willkommen zu Uganda revisited. Herzlich willkommen in unserem persönlichen Krimi. Der Titel könnte lauten: das dreckige Geschäft mit den Waisenkindern. Es wäre perfekt für eine reisserische Blick-Schlagzeile.

Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende, doch wir steigen hier aus. Warum wir dies tun, könnt ihr hier nachlesen:

Seit unserer Abreise aus Uganda haben wir keine Ruhe. Nicht, dass wir etwas anderes erwartet hätten. Vor unserer Abreise haben wir schön sichtbar zwei Schilder an der Strasse montiert, haben das Projekt quasi markiert. Dies in der Absicht, C.’s Machenschaften zu unterbinden und seiner Einnahmequelle mit dem Waisenhaus versiegen zu lassen. Der Kerl schäumte natürlich vor Wut, konnte er so keine Touristen mehr anschleppen, die er mit seinem Waisenhausprojekt (unter anderem Namen) angeworben hatte. Jeder Idiot würde nun merken, dass hier etwas nicht mit richtigen Dingen zu und her geht. Nur Idioten würden jetzt noch Geld einzahlen, auf sein privates Konto. Es hagelte demzufolge Nachrichten aus Uganda. Eine ganze Palette, von wirren Erklärungen, zu wüsten Beschimpfungen zu üblen Drohungen. Der aufgebrachte Mann eröffnete sogar noch einen falschen Mailaccount um zu verhindern, dass wir mit der britischen Frau, nach der er sein Projekt benannt hat, Kontakt aufnehmen. Er sah seine grösste Einnahmequelle in Gefahr. Die gute Frau schickt ihm seit zwei Jahren Geld, welches sie in England für die Kinder sammelt. Dabei hat C. sich allerdings so blöde angestellt, dass wir die Finte sofort gerochen haben und diese Frau auf anderem Wege erreichen konnten. Es stellte sich allerdings heraus, dass diese Frau nicht nur naiv sondern auf beiden Augen blind ist. Sie schenkt diesem dubiosen Typen vorbehaltslos Geld und Vertrauen. Uns jedoch schenkt sie keinen Glauben.

Die Geschichte war zu diesem Zeitpunkt schon nervig genug, steigerte sich im zweiten Akt jedoch noch um Weiten. Wir bekommen wieder Emails. Diesmal von einer anderen Seite. Wir erhalten eine Warnung vor C., P. und der ganzen Familie, ja eigentlich vor dem ganzen Dorf. Ein Mann vor Ort, ein Hotelangestellter, der sowohl uns von unserem Aufenthalt her als auch die Familie kennt, informiert uns über die Vorgänge am See. Seit unserer Abreise sei die Familie in Chaos verstrickt, alle streiten sich, unser Streich mit den Signposts habe C. in Rage versetzt. Unser Informant ist besorgt und schreibt, er befürchte eine blutige Familienfehde am lieblichen Bunyonyi-See. C. sei ein Deserteur aus der Armee, er habe schon mehreren Personen mit dem Tod bedroht. Auch unser Informant fürchtet sich vor ihm und seiner Rache, sollten wir ihn verraten. Dass C. ein Psychopath sein soll, glauben wir sofort.

Dann erfahren wir noch, dass vor zwei Jahren auf P.’s Grundstück eine Schule gebaut wurde. Allerdings nicht von P.’s Familie selbst, sondern von einem jungen Mann, D., ebenfalls aus dem Dorf. Nachdem die Familie gesehen habe, wie sich damit Geld machen liesse, sollen sie ihn verjagt haben. C. soll ihn mit dem Tod bedroht haben. Unser Informant rät uns, die Finger von der Sache zu lassen und Rat einzuholen, bei einer Person, M., die seit längerem in der Region engagiert ist. Wir sind beunruhigt und melden uns bei ihr. Was wir von M. zu lesen bekommen, ist allerhand. Es trifft uns wie der Blitz. Lauter Fragezeichen überall.

M. aus Europa betreibt seit Jahren diverse Entwicklungsprojekte in der Region und ist mit den Machenschaften vor Ort bestens vertraut. Seine Nachricht öffnet uns endgültig die Augen. M. erzählt uns eine Geschichte, und die geht so: Ein junger Mann, verwaist, wird unter den Fittichen seiner Organisation gross. Er entwickelt ein gutes Verständnis von westlichen Touristen und ihren grossen Herzen und Geldbörsen. Er sieht, wie sich Touristen bedingungslos grosszügig zeigen, wenn es um Kinder geht. Ganz besonders wenn es um Kinder geht, die keine Eltern mehr haben. So verlässt er sein Nest und baut sich im selben Dorf einen eigenen Nistkasten auf. Er sammelt in der Umgebung Kinder ein, lernt ihnen für die Touristen zu singen und zu tanzen, lernt ihnen für die Touristen zu lächeln. Das Nest erweist sich als Goldgrube. Der Kerl fährt mittlerweile ein teures Auto, verfügt über mehrere Immobilien und schwimmt heute, statt wie früher im Bunyonyi-See, im Geld. Die Kinder leben währenddessen schön weiterhin im Dreck. Denn nur so lässt sich Geld verdienen. Wer spendet schon für Kinder, denen es an nichts mangelt?

Würde er sein Projekt weiter entwickeln, würde er sein eigenes Business untergraben. So viel zum Thema Entwicklungshilfe…

Die Leute im Dorf schauen dem Treiben zu und denken sich ihren Teil. Sie sind ja nicht blöd, auch wenn man manchmal vielleicht diesen Eindruck hat. Wir haben selbst den Fehler begannen, diese einfachen Leute vielleicht nicht ganz für voll zu nehmen. Die Leute haben vielleicht keine Schulbildung, aber dafür umso mehr Bauernschläue. Wir haben unsere Lektion gelernt.

Die Dorfbewohner fangen an zu kopieren. Sie nutzen den Tourismus in ihrem Ort zu ihrem Vorteil. Wo sonst drücken einem die Touristen ohne Quittung 50 Dollar in die Hand, einfach so, für die Kinder, für etwas zu Essen oder anständige Kleidung? Am Bunyonyi-See schiessen die Waisenhäuser wie Pilze aus dem Boden. Was wir als Initiative von unten, also vorbildliche Entwicklungshilfe wie im Lehrbuch betrachten, verwechseln wir mit Business à la Uganda.

Um die Geldströme schön fliessen zu lassen, halten die vermeintlichen Altruisten die Kinder bewusst auf einem extrem niedrigen Niveau. Sie lassen sie nicht verhungern, klar, aber sie geben ihnen auch nicht alles was möglich wäre. Die Waisenhäuser gibt es nicht aus Nächstenliebe. Es gibt sie, weil sie den Leuten ein Einkommen bescheren. Und wir westlichen Touristen sind zu naiv um zu verstehen, was hinter der Kulisse tatsächlich abläuft. Dass das Ganze eine riesige Show ist. Die Kinder sind unwissende Statisten in einem Theaterstück, welches tragischerweise ihr Leben ist.

Dieses Business auf Kosten von Kindern ist in unseren Augen etwas vom Niederträchtigsten was es gibt. Für uns ist es zweifellos das Übelste, was wir je erlebt haben.

Aus der ellenlangen Nachricht von M. erfahren wir auch, dass nicht nur C., sondern auch P. eine zwielichtige Gestalt sei. Sie soll Kinder aus der legitimen Primarschule quasi dazu gezwungen haben, ihre Schule zu besuchen. Die Eltern hat sie mit der Aussicht auf Essen und sonstige Güter bestochen. Es wird sogar noch schlimmer. Die Verwandten der Kinder sollen mit den Waisenhausbetreibern unter einer Decke stecken. Sie liefern die Kinder ab, haben damit weniger hungrige Mäuler, die sie stopfen müssten und bekommen als Dankeschön dafür noch eine Matratze oder ein Moskitonetz geschenkt.

Wir hatten schon davon gehört, dass insbesondere in Asien Waisenhäuser als Attrappen dienen um Spenden zu sammeln. Wir hatten vermutet, dass C. dasselbe vor Augen schwebte. Wir hatten jedoch geglaubt, P. wäre eine einfache Frau mit einem grossen Herzen. Nun soll sie eine rückgratlose Geschäftemacherin sein.

Wir sind nun eindeutig der Ansicht, dass wir niemandem vorbehaltslos glauben können. Jeder verfolgt hier seine eigenen Interessen. So auch M., der zunächst versucht hat dieses Business zu stoppen. Daraufhin hagelte es Morddrohungen und gewalttätige Übergriffe gegen ihn und das Team vor Ort. Daraufhin hat er entschieden, sich nicht mehr weiter dafür zu engagieren, Licht ins Dunkle zu bringen. Im Interesse seines eigenen Projektes.

Nun erhalten wir weiterhin Anrufe und Mails der Neffen P.’s. Sie bitten uns um Hilfe, weil C. wiedermal das Steuer übernommen hat. Wir haben keine Lust mehr. Keine Ahnung, wem man noch trauen kann. Vielleicht gibt es unter den lauter faulen Äpfeln dort wirklich ein paar Leute, denen das Wohlergehen der Kinder am wichtigsten ist. Vielleicht ist auch nur C. der Böse, vielleicht wird P. zu Unrecht beschuldigt. Wir wissen es nicht und wir werden es nie herausfinden. Fakt ist, dass auf diesem verseuchten Boden nichts gedeihen kann. C. ist der rechtsmässige Besitzer des Landes, auf welchem die Schule steht. Er sitzt daher am längeren Hebel. Ausserdem kennt er die richtigen Leute und weiss, wen er bestechen muss. Er bekommt was er will. Und selbst wenn nur die Hälfte der Leute dort von schlechten Motiven angetrieben werden, kann sich aus dieser Ausgangslage langfristig keine gute Zusammenarbeit ergeben. Niemals würden wir Freiwillige an solch einen Ort schicken. Niemals würden wir fremde Spenden an Leute schicken, denen wir offensichtlich nicht trauen können. Es reicht, dass wir eigenes Geld in den Sand gesetzt haben.

Wir haben Nachforschungen angestellt und sind entsetzt zu erkennen, dass sich das idyllische Dorf aus unseren Vorstellungen  in einen Sumpf aus Intrigen verwandelt hat. Es stinkt aus allen Löchern. Sogar der oberste Chairman der Region und die Kirche sollen in das Business involviert sein. Jeder möchte ein Stück vom Kuchen haben.

Wir ziehen uns damit aus der Sache zurück. Wir sind froh, dass wir noch früh genug gemerkt haben, dass es sich nicht lohnt, sich längerfristig für das Projekt zu engagieren. Der Schaden hält sich in Grenzen. Bei unseren Recherchen sind wir auf viele Waisenhausprojekte gestossen, die meisten von ihnen werden von ausländischen Helfern unterstützt (so wie wir dies auch vorgesehen hatten). Überall finden wir Bildern von Kindern mit westlichen Touristen, überall lesen wir Blogeinträge über derartige Projekte, mit der Empfehlung von ehemaligen Besuchern oder Volunteers, diese Projekte zu unterstützen. Dabei lesen wir kein einziges negatives Wort. Keine Warnung, keine Kritik, nichts. Die sind alle in dieselbe Falle getappt wie wir. Umso mehr ärgern wir uns darüber, dass dagegen nichts unternommen wird. Alle scheinen unter einer Decke zu stecken. Die Dorfbewohner, die Hotels, die Tourunternehmen. Es wäre eindeutig an der Regierung solchen Wildwuchs zu unterbinden. Doch wieso sollte sie etwas dagegen tun? Dann wäre sie ja selber verantwortlich für den Bau und den Unterhalt der Schulen und Waisenhäuser. Dann müssten die Beamten ihre Hintern aus den bequemen Sesseln erheben. Dann lassen sie doch lieber die weissen Touristen und Entwicklungshelfer mit ihrem Helfersyndrom, sowie die korrupten Dorfbewohner die Sache mit den Waisen in die Finger nehmen. Dann sind alle glücklich. Die Waisenhausleiter, die sich damit ihren Arsch vergolden. Die Lehrer und Pfleger, die eine Stelle haben. Die mitwissenden Dorfbewohner, die fürs Maul halten entlohnt werden. Die Beamten, die für das Ausstellen der notwendigen Papiere Bestechungsgelder erhalten. Der Regierungsmitarbeiter, die weiterhin schön in den Sessel furzen können und die Entwicklungshelfer, die genügend Arbeit und die Möglichkeit haben, sich selber zu verwirklichen.

Die Einzigen, die nichts zu lachen haben, sind die Kinder. Die leben weiterhin im Dreck und hängen an den Ärmeln der Erwachsenen, von denen sie glauben, dass sie ihre Retter wären.

3 Gedanken zu „Uganda revisited“

  1. Da sind wir froh, ist euch nichts passiert!!
    Möglicherweise hätte das Bundesamt für Entwicklungshilfe, oder wie es denn heisst, Interesse an euren Erfahrungen.
    Extrem verrückter als man das sich vorstellen kann.
    Gute Zeit noch und vergesst die andern Erfahrungen nicht.
    Liebe Grüsse
    Peter

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