Wilder Westen in Tansania, Zucht und Ordnung in Ruanda

Nach einer eindrücklichen Zeit in Sambia reisten wir weiter nordwärts über die Grenze nach Tansania. An einer Tankstelle dann der Schock: Unser Bijou macht keinen Wank mehr. Nach einer erfolglosen Fehlersuche im Motorraum, kam es dazu, dass sieben Afrikaner und eine Mzungu („Weisse(r)“ auf Swahili, eine Bezeichnung für alle weissen Touristen, die einem ständig – mal liebevoll, mal weniger liebevoll – hinterher gerufen wird) das Biest kräftig anstossen mussten, um die alte Schippe wieder zum laufen zu bringen. Wir fuhren trotzdem über die Grenze und meisterten die gesamte Strecke bis in die nächste tansanianische Stadt, Sumbawanga, ohne den Motor einmal abzustellen. Tanken bei laufendem Motor? Das Auto in voller Lautstärke vor dem Zoll einfach laufen lassen? Kein Problem in Afrika. Keiner wunderte sich, das machen alle so (wir fragen uns immer wieder, welchem höherem Zwecke es dienen soll, das Auto ohne offensichtlichen Grund laufen zu lassen). In Sumbawanga dann die Erleichterung: Der Stecker am Anlasser war nicht mehr eingesteckt, vermutlich aufgrund der Vibrationen von vergangenen Wellblechpisten. Glück gehabt! Und: Nächstes Mal Sonnenbrille ausziehen, wenn man in den dunklen Motorraum schaut!

Tansania durchquerten wir im Schnelldurchlauf, weil wir im Oktober noch einmal dorthin zurückkehren werden (zwecks Strandurlaub mit meinen Eltern auf Sansibar) und vorher noch Ruanda und Uganda bereisen wollen. Wir waren etwa eine Woche unterwegs, aber von schnell kann nicht die Rede sein. Wir wählten eine Route entlang des Tanganyika-Sees, wo nur wenige Touristen hin finden. Die Infrastruktur ist dementsprechend begrenzt. Dank meinen Swahili Kenntnissen konnten wir zumindest elementare Dinge erledigen, wie z.B. Im Hotel einchecken, sich mit der Polizei unterhalten oder eine lokale SIM-Karte kaufen. Alle touristischen Orte (Safari Destinationen und Badeorte) befinden sich eher im Norden und Osten des Landes. Der wilde Westen also. Der Vorteil davon: Wir sparten eine Menge Geld. Meistens konnten wir in christlichen Unterkünften übernachten, die fast nichts kosteten. Der Nachteil: Diese Etappe unserer Reise kostete uns extrem viele Nerven. Wir mussten einen Nationalpark passieren, in welchem zwecks Brandrohdung überall Feuer gelegt wurde, was weder schön anzuschauen noch gänzlich ungefährlich war. Ausserdem kamen wir auf der Durchfahrt in eine Tsetsefliegen-Attacke. Tsetsefliegen sind unglaublich aggressiv und ihre Stiche sind sehr schmerzhaft. Zusätzlich übertragen sie die Schlafkrankheit, eine weitere afrikanische Tropenkrankheit. Und zu guter Letzt mussten wir unser Nachtlager auf einem absolut heruntergekommenen Camping aufschlagen, wenige Meter von einer Hippofamilie entfernt, die sich in einem braunen Tümpel tummelte. Und nachts gerne aufs Festland zum grasen kommt…Das grösste Übel waren jedoch die desolaten Strassenzustände in Kombination mit grössenwahnsinnigen LKW- und Busfahrern. Mehr als einmal konnten wir uns nur knapp durch ein beherztes Ausweichmanöver in den Strassengraben retten. Ein Hoch auf unseren Fahrer!!! Auf den Strassen herrscht Darwin: Survival of the fittest. Uns ist bis heute schleierhaft, wie ein Chauffeur auf die Idee kommen kann, sein Bus oder LKW plus Anhänger in einem Höllentempo über solch schlechte Strassen zu jagen. Selbst wenn einer dieser Fahrer ausweichen wollte, was meistens nicht der Fall ist, könnte er das aufgrund physikalischer Gesetze schlichtweg nicht. Davon  zeugen auch die unzähligen LKW und Bus-Wracks am Strassenrand, ausgebrannt und zerquetscht. Aber wir haben diese Etappe ja zum Glück unbeschadet überstanden!

Als wir dann endlich in Ruanda ankamen, erlebten wir beinahe einen Kulturschock. Nach den schlechten Strassen, der Einöde und der nicht vorhandenen Infrastruktur in West-Tansania, reihte sich nach der Grenze ein Dorf ans andere, inklusive Stromleitungen und gute Teerstrassen. Auf einmal konnte man nicht mehr bestimmen, wann ein Dorf aufhörte und wann ein neues begann. Ruanda hat auf einer sehr kleinen Fläche (ca. 26’000 km2) eine extrem hohe Bevölkerungszahl von ca. 12 Millionen Menschen und ist damit das am dichtesten bevölkerte Land Afrikas (432 Einwohner pro km2; zum Vergleich: Das Schweizer Mittelland hat eine Einwohnerdichte von ca. 426 Einwohner pro km2). Der Bevölkerungsdruck steigt insbesondere auch durch die hohe Zahl an Flüchtlingen, die vor allem aus der Demokratischen Republik Kongo in Ruanda Zuflucht suchen. Für uns äusserte sich dies vor allem darin, dass wir nicht mehr einfach so schnell mal am Strassenrand pinkeln konnten, und wir die -zwar gut in Schuss gehaltene – Strasse plötzlich mit einer riesigen Menge Leute teilen mussten, Fussgänger, Fahrradfahrer, Töfflifahrer. Im ruandischen Gesetz ist übrigens explizit verankert, dass die Strassen allen zur Verfügung stehen, also nicht nur den Autos, sondern auch den Menschen und Tieren. Wir haben das vor allem dadurch bemerkt, dass die Fussgänger und Fahrradfahrer nicht mehr freiwillig für uns Autofahrer platz machten und wir fortan im Schlendermodus die hügeligen Strassen empor und hinab kurvten.

Häufig wird Ruanda, der kleine Staat im Herzen des grossen Kontinents, übrigens auch als die Schweiz Afrikas betitelt. Ruanda gilt weithin als sehr sicheres und überaus sauberes Reiseziel. Das Land ist sehr grün und seine „Tausend Hügel“ sind sehr schön anzuschauen. Viel Landwirtschaft wird noch von Hand betrieben und die einzelnen bepflanzten Hügel sehen aus wie Patchworkfelder. Sehr pittoresk und idyllisch also.

Kigali, die Hauptstadt Ruandas, ist eine Sache für sich. Die Bäume stehen alle in Reih und Glied, viele davon sind sogar ummauert. Die Büsche sind fein säuberlich geschnitten und die Rasenflächen strahlen in frischem, künstlichen grün. Es gibt Zebrastreifen, hochmoderne Ampeln, Strassenlaternen und sogar richtige Trottoirs. Die Töfftaxifahrer und ihre Kunden tragen fast ausnahmslos Helme. Ausserordentlich auffällig ist zudem der nicht vorhanden Abfall, der sonst für gewöhnlich überall am Strassenrand zu finden ist (nicht selten muss man hier unterwegs aufpassen, nicht von einer Ladung Abfall getroffen zu werden, die ein Automobilist gerade aus dem fahrenden Auto geworfen hat). Doch damit nicht genug: In Ruanda sind wegen Rücksicht auf die Natur jegliche Plastiktüten verboten, eine globale Seltenheit.  In allen anderen Ländern in welchen wir bisher waren, werden einem die Plastiktüten regelrecht hinterher geworfen. Jedes Ding wird separat eingetütet. In dieser Hinsicht stehen die Afrikaner den Amerikanern in nichts nach.

Was für uns jedoch nicht in dieses Bild eines modernen, europäisch angehauchten Kigalis passt, ist die Tatsache, dass man mit ausländischen Bankkarten kein Geld an ATMs beziehen kann. Als wir völlig entnervt in einer Bank nachfragten, wie wir hier an Geld kommen sollen, klärte uns die Angestellte auf, dass die meisten Banken nicht einmal ausländische Visa-Karten akzeptieren würden. Die einzige Möglichkeit um Geld beziehen zu können, bestünde darin, zur Bank of Kigali zu gehen, um dann dort nach Nachweis des Passes mittels Belastung der Kreditkarte Geld ausgehändigt zu bekommen. Wir konnten es kaum fassen, dass man ausgerechnet in Kigali, wo man überall ausländische Entwicklungshelfer vor ihren Macbooks sitzen und Cappuccino schlürfen sieht, nur auf diese vorsintflutliche Art und Weise an Geld kommen kann. Ich erinnerte mich dann zugleich daran, dass ich bereits auf meiner ersten Ruanda-Reise vor demselben Problem stand und sich in den vergangenen fünf Jahren diesbezüglich nichts verändert hat. Da das Preisniveau ziemlich hoch ist (die meisten Touristen verbringen nur ein paar Tage im Land um die berühmten Berggorillas zu besuchen und gehen dann wieder) und wir keine Lust hatten, eine Budgetrechnung aufzustellen, war unser Besuch in Ruanda daher von kurzer Dauer.

Auf unseren Rundfahrten sahen wir einige Männer, die am Strassenrand in rosa- und orangefarbener Kluft irgendwelche Arbeiten verrichteten. Daneben ein paar Polizisten mit Knarren. Es waren Häftlinge, die sich in der Öffentlichkeit fürs Allgemeinwohl betätigen mussten. Eine weitere Eigenheit in Ruanda ist die Institution des Umuganda („zusammenkommen, um etwas zu erreichen“). Jeden letzten Samstag des Monats wird die Bevölkerung aufgefordert, sich an gemeinschaftlicher Arbeit zu beteiligen. Wir fuhren eines Samstagmorgens nichtsahnend nach Kigali und waren geschockt, weil uns kein einziges Fahrzeug begegnete und uns kein plausibler Grund in den Sinn kam, der diesen Umstand erklären konnte. Die Strassen waren wie leer gefegt. Offenbar dient Umuganda der Regierung Kagame’s aber auch als Herrschaftsinstrument. Nach der Arbeit werden die Teilnehmer zu «Diskussionsveranstaltungen» zusammengetrommelt, bei denen Meinungen weniger ausgetauscht als von den Vertretern der Regierungspartei kontrolliert werden1.

Viele Leute assoziieren Ruanda vermutlich mit dem Genozid von 1994. Bei unserem Besuch war es genau 20 Jahre her, als 800’000 Tutsi und gemässigte Hutu im Verlaufe eines akribisch geplanten Völkermordes getötet wurden. Noch heute erinnern viele Gedenkstätten an die Ereignisse von 1994. Ich möchte in diesem Bericht nicht weiter darauf eingehen. Wer sich jedoch für dieses Thema interessiert soll doch den Roman „100 Tage“ von Lukas Bärfuss lesen (er thematisiert darin auch die Rolle der Schweizer Entwicklungshilfe im Zusammenhang mit dem Genozid) oder „Shake hands with the Devil“ von Romeo Dallaire (der ehemalige UN-General der damaligen Mission in Ruanda thematisiert darin das Scheitern der UNO und internationalen Gemeinschaft).

Das Land ist seit den Ereignissen von 1994 relativ friedlich und dies obwohl viele ehemalige Flüchtlinge aus dem Exil zurückgekehrt sind und heute oft Täter und Opfer als Nachbarn nebeneinander leben müssen. Gleichzeitig glänzt Ruanda nicht gerade durch demokratische Werte wie Meinungsfreiheit. Der Präsident soll durch einen sehr restriktiven Regierungsstil (inklusive Ausschaltung der Pressefreiheit und Eliminierung jeglicher Opposition) das Land zusammen halten. Hier wird er seinem Saubermann-Image nicht ganz gerecht.

Dennoch gilt Ruanda weithin als Lieblingskind der Entwicklungshilfe, nicht zuletzt wegen seiner boomenden Wirtschaft. Wir haben nach dem Grenzübertritt angefangen, die Schilder von diversen internationalen Hilfsorganisationen zu zählen, welche in fast jedem Dorf ein Entwicklungsprojekt anpreisen. Nach kurzer Zeit haben wir damit aufgehört. Auch die Dichte an den klassischen weissen Toyota Land Cruiser, in denen die in- und ausländischen Entwicklungshelfer herum fahren, erschien uns ausserordentlich hoch.

Als wir in die Grenzregion zum Kongo fuhren, um dort in einem geschützten Bergregenwald zu wandern, staunten wir allerdings nicht schlecht. Kaum waren wir aus der Hauptstadt raus, sahen wir am Strassenrand nur noch Leute, die ihre offene Hand ausstreckten und uns „Mzungu give me money“, zu riefen, vom kleinen Knirps bis zur alten Frau. Kaum hatten wir irgendwo parkiert, waren wir auch schon umringt von einer Menschentraube, die versuchte ins Auto hinein zu spähen und Geld von uns wollte. Als Reaktion auf unser ungläubiges Kopfschütteln wurde auch schon mal ein bisschen an unserem Auto herum gerüttelt. Das waren jedoch die einzigen Vorfälle dieser Art auf der gesamten Reise.

Im Nyungwe Nationalpark lernten wir auch, dass ein Wildhüter in diesem Staat mehr verdient als ein Lehrer. So auch unser Wanderführer, ein ehemaliger studierter Lehrer, der erkennen musste, dass es lukrativer ist, sich um Touristen zu kümmern. Ein weiteres Beispiel eines Landes, welches mehr in die Förderung des Tourismus als in die Bildung der eigenen Bevölkerung investiert.

 

1NZZ Bericht vom 22.07.2014: http://www.nzz.ch/international/aufgefallen/manipulation-einer-alten-sitte-1.18347925

 

Ein Gedanke zu „Wilder Westen in Tansania, Zucht und Ordnung in Ruanda“

  1. Hallo Ihr Beiden,

    wieder spannend Eure Berichte zu lesen, was ich durch meine Auslandabwesenheit nun nachgeholt habe. Der Bericht von Sambia zeigt auf, wie „bunt“ Afrika doch ist! Geniesst diese „Farbenpracht“!

    Liebe Grüsse und alles Gute
    roger

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